Molières messerscharfe Analyse

Vielen ist die unangenehme Situation bekannt: Da trifft man unverhofft einen guten alten Bekannten oder eine liebe Freundin, und er oder sie war gerade beim Friseur oder hat sich ein schickes, modisches Kleidungsstück gekauft. Und es folgt die unschuldige Frage: „Na, wie gefalle ich Dir!“ Was soll man da antworten, wenn der Haarschnitt eigentlich schief geraten, die neue Haarfarbe verunglückt oder das Kleid viel zu eng ist. Die Wahrheit sagen und sein Gegenüber kränken? Lügen? Eine wortreiche Ausflucht suchen? Die Unwahrheit jedenfalls wäre gesellschaftlich akzeptiert, denn die Konvention erlaubt in solchen Fällen eine Schmeichelei, selbst wenn sie der Realität nicht standhält. Was aber, wenn ein Mensch, der es mit der Wahrheit sehr genau nimmt, in eine solche Situation gerät? Noch dazu, wenn ihm gesellschaftliche Gepflogenheiten und sein Ansehen bei anderen egal sind. Ein Mensch wie Alceste zum Beispiel.

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Molière, neben Shakespeare und Goethe einer der Fixsterne am Dichterhimmel, hat diesen charakterfesten Mann ersonnen und zugleich mit dem Titel seiner Komödie die Konsequenz dieses Denkens klargemacht. Denn Alceste ist ein Misanthrop, also ein Menschenhasser oder Menschenfeind, der die gesellschaftlichen Konventionen der Schmeichelei nicht erträgt. Dabei ist ein Misanthrop weder gewalttätig, aggressiv noch arrogant, sogar altruistisches Handeln ist bei ihm nicht ausgeschlossen. Er kann es nur nicht leiden, wenn die Menschen ihr Gegenüber loben, aber hinter dessen Rücken über ihn herziehen.

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Doch in so einem Umfeld bewegt sich Alceste. Es ist die höhere Gesellschaft, die auf gutes, „höfisches“ Benehmen Wert legt, sich immer alle Optionen offen halten und es sich mit niemandem verscherzen will. Besonders Célimène ist eine Meisterin dieser Konventionen – was Alceste zur Verzweiflung bringt, ist er doch rasend in sie verliebt. Doch wie sollen er und sie zusammenkommen, wenn beide ganz andere Prioritäten im gesellschaftlichen Umgang pflegen? Das bittere Ende scheint vorprogrammiert. Regie bei dieser ebenso pointierten wie bitteren und unterhaltsamen Komödie führt Rudolf Frey, der 2018 in den Kammerspielen Die lächerliche Finsternis auf die Bühne brachte. Als Alceste ist Raphael Kübler zu sehen, der zuletzt als Richard III. in Michael Niavaranis Shakespeare-Adaption brillierte, die Célimène wird von Marion Fuhs verkörpert, die vor einem Jahr als Medea in Grillparzers Das goldene Vlies glänzte.

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Der Menschenfeind

Komödie von Molière. Deutsch von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens.

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