Von Glücksbringern und Ritualen

Pfeifen oder Essen auf der Bühne? Tabu. Zum falschen Zeitpunkt klatschen, über die rechte Schulter spucken oder auf ein „Toi, toi, toi“ mit „Danke“ antworten – geht gar nicht!

Das drohende Unglück, das ein heruntergefallenes Textbuch nach sich ziehen könnte, ist nur noch abzuwenden, indem man es dreimal tritt. Und keinesfalls sollte Macbeth in Bühnennähe laut ausgesprochen werden. Da bezieht man sich besser auf „dieses schottische Stück“. Die Arbeit am Theater wird von Ritualen und Verboten bestimmt, die mindestens genauso alt sind wie der Beruf des Schauspielers.

Einige werden heute noch penibel eingehalten, andere nur noch von besonders abergläubischen Theatermenschen beachtet. Leichtfertig begeht jedoch niemand eine Premiere oder eine andere Vorstellung, in der alles live ist und bis ins kleinste Detail abgestimmt sein und funktionieren muss. Eine gewisse Nervosität und große Ehrfurcht schwingen immer mit. Manche dieser Ge- und Verbote lassen sich ganz einfach begründen, wenn man sie zurückverfolgt.

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„Toi, toi, toi“ zum richtigen Zeitpunkt

Am Theater wünscht man sich niemals „Viel Glück“ vor einer Aufführung, denn das bringt genau das Gegenteil. Stattdessen spuckt man dreimal über die linke Schulter – Herz an Herz – oder sagt „toi, toi, toi“. Dieses ursprünglich norddeutsche „Teufel, Teufel, Teufel“ beruht auf einem Gegenzauber gegen den Neid der bösen Geister. Auch der Zeitpunkt des „Toi, toi, toi“-Wunsches darf nicht dem Zufall überlassen werden. Glück bringt es Schauspielern nur dann, wenn sie schon das Kostüm anhaben und bereits für die Vorstellung geschminkt sind.

Umgekehrt soll man sich nicht dafür bedanken. Da die Theatergeister gern jeden Wunsch in sein Gegenteil umkehren, empfiehlt es sich, sie mit negativen Aussprüchen zu verwirren: „Wird schon schiefgehen“ wird gern verwendet, vor allem aber „Hals- und Beinbruch“. Der Spruch leitet sich vermutlich vom jiddischen „hatslokhe und brokhe“ („Glück und Segen“) ab. Auch im Englischen wünschen sich Theaterleute den Beinbruch: „Break a leg“, sagt man da. Theorien über die Herkunft des Ausspruchs gibt es viele, er könnte von seinem deutschen Pendant abgeleitet sein oder aus dem Pferderennsport entlehnt, wo es ähnlich abergläubisch zugeht wie im Theater.

Die unperfekte Generalprobe

Eine Generalprobe mit Fehlern verheißt eine gute Premiere. Diese „Theaterweisheit“ lässt sich vor allem psychologisch deuten. Wenn die Generalprobe fehlerfrei verlaufen ist, besteht die Gefahr, dass sich bei den Beteiligten Selbstsicherheit und ein Gefühl der Routine einstellen und die Konzentration leidet. Unglück bringt es angeblich, den letzten Satz des Stückes bei der Generalprobe auszusprechen. Einige Schauspieler verzichten deshalb darauf. Außerdem darf nach der Generalprobe nicht geklatscht werden und vor einer Vorstellung darf man nicht durch den Vorhang spähen! Auch das bringe Unglück.

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Licht für die Geister, sie möchten proben

Im Theater ist es durchaus üblich, in der Nacht auf der Bühne eine Lampe für die Geister brennen zu lassen – die proben nämlich auch, und wenn sie nachts besänftigt werden, können sie tagsüber kein Unheil anrichten. Etwas Licht nützt aber auch dem Theaterpersonal: So findet auch der letzte Bühnenarbeiter sicher hinaus, ohne in den Orchestergraben oder über Requisiten zu fallen.

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Pfeifen verboten! Und zwar ausnahmslos

Im Ranking der beliebtesten Aberglauben im Theater steht auch das Pfeif-Verbot ganz weit oben. Dass das Pfeifen im Bühnenraum nicht gern gehört ist, kommt wahrscheinlich aus der Zeit, in der die Theater noch mit Gaslampen beleuchtet wurden. Wenn eine Lampe undicht war und das Gas austrat, gab es ein pfeifendes Warngeräusch. Das konnte bedeuten, dass in der Lampe nicht mehr genügend Brennstoff zur Verfügung stand, andererseits aber auch, dass Gas aus einer defekten Leitung strömte und somit höchste Brandgefahr herrschte. Unüberlegt zu pfeifen, konnte daher einen Fehlalarm auslösen, der den Proben und Vorstellungsablauf empfindlich störte.

Das Pfeifen diente einst auch als Kommunikationsmittel unter den Bühnentechnikern, von denen viele ursprünglich als Matrosen und Hafenarbeiter ihr Geld verdienten. Als schwindelfreie Knoten-Experten sorgten sie für einen sicheren Ablauf der fahrenden Seilzüge auf dem sogenannten „Schnürboden“ und verständigten sich beim schnellen Wechsel von Bühnenbildern über Pfiffe. Einfach so „herumzupfeifen“, war ebenso streng verboten wie an Bord eines Schiffes, um mit den Kommandosignalen nicht durcheinanderzukommen. Ein falscher Pfiff konnte buchstäblich den Tod bedeuten, ob nun auf dem offenen Meer oder in den luftigen Höhen des Bühnenraumes im Theater.

Aber auch noch heute wird das Pfeifen im gesamten Theatergebäude mit strengen Blicken getadelt. Für Enrique Gasa Valga, Direktor der Tanzcompany Innsbruck, ist Pfeifen nach wie vor ein absolutes No-Go: „Sobald ich jemanden auch nur in der Nähe des Theaters pfeifen höre, gefriert mir das Blut in den Adern. Der oder diejenige kassiert dann schon mal einen bitterbösen Blick von mir.“ Auch Schauspielerin Janine Wegener, seit der Spielzeit 2005.06 Ensemblemitglied am Tiroler Landestheater, hält sich nach wie vor an das strikte Pfeifverbot und ermahnt schon mal Kollegen: „Wenn jemand pfeift, brülle ich sofort: ‚Wer hat hier gepfiffen?‘ Ich bin nicht die Theaterpolizei oder der Herr Knigge des Theaters, aber ich finde es schön, wenn diese Bräuche nicht vernachlässigt, sondern gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben werden.“

Text: Désirée Walter

Fotos: Benedikt Grawe

 

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