Von Idylle meilenweit entfernt

Als erste Premiere im Großen Haus wird Carl Maria von Webers Der Freischütz zu erleben sein – das Meisterwerk der Gattung Romantische Oper. Dass romantisch aber keineswegs mit idyllisch gleichzusetzen ist, erläutert der regieführende Intendant Johannes Reitmeier: Wir verbinden heute mit dem Begriff Romantik oft fälschlicherweise gefühlsselige Empfindsamkeit. Die Geisteshaltung der gleichnamigen Epoche lässt sich damit aber keineswegs eingrenzen. Die maßgeblichen Künstler dieser Zeit erforschten – bei aller Begeisterung für das Naturverbundene, Volkstümliche und Märchenhafte – das Unterbewusstsein der menschlichen Psyche. Sie waren fasziniert von übernatürlichen Kräften, von unheimlichen Phänomenen und entsprechend gewählt sind ihre Schauplatze: Geheimnisvolle Orte des Verfalls, Friedhofe, nächtliche Landschaften und finstere Walder. In diese Szenerie der Schauerromantik fügt sich Der Freischütz nahtlos ein. Die handelnden Personen sehen sich mit dem Wirken dämonischer Kräfte konfrontiert und kämpfen – jede Figur auf ihre Weise – gegen diese Bedrohung an. Von harmloser Idylle ist das Geschehen meilenweit entfernt. Aber gerade deshalb so fesselnd!

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In welcher Zeit siedeln Sie das Geschehen in Ihrer Inszenierung an? Ich belasse das Stück in seiner Entstehungszeit, also um das Jahr 1821. Ursprünglich ist die Handlung am Ende des Dreißigjährigen Krieges angesiedelt, aber ich finde die Zeit des frühen Biedermeiers mit ihren bürgerlichen Konventionen und ihrer latenten Doppelmoral sehr treffend. Wir werden es mit einer dörflichen Gemeinschaft zu tun haben, in der für sensible oder seelisch labile Menschen wie Max und Agathe eigentlich kein Platz ist.

„Die melodienreiche Komposition meistert mühelos
den Spagat zwischen volkstümlichen Weisen
über effektvolle Naturstimmungen
bis hin zur düster-expressiven Wolfsschlucht-Szene.“

Johannes Reitmeier

Warum haben Sie sich entschieden, die Oper in der Fassung mit den Rezitativen von Hector Berlioz aufzuführen? Während die überragende Qualität von Webers Musik gemeinhin außer Zweifel steht, gilt das Textbuch von Friedrich Kind vielen als problematisch. Es gab immer wieder Versuche, durch Weglassen oder Ersetzen der gesprochenen Texte diesem Problem beizukommen. Wir wollen unserem Publikum eine andere Variante vorstellen: Hector Berlioz, der Webers Musik verehrte, verfasste für die Pariser Aufführung Rezitative, die das Werk in die Nähe einer durchkomponierten Oper rucken. Wir versprechen uns davon eine vielleicht ungewöhnliche, aber spannende Erfahrung.

Die Fragen stellte: Susanne Bieler
Fotos: Birgit Gufler


Der Freischütz

Romantische Oper von Carl Maria von Weber . Text von Johann Friedrich Kind . Rezitative von Hector Berlioz

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