«Idomeneo» | Die Möglichkeit des Friedens

28.1.2026 / blog
Ausdrucksstarkes Ensemble: Susanne Langbein als Elektra, Dovlet Nurgeldiyev als Idomeneo, Anastasia Lerman als Ilia und Camilla Lehmeier als Idamante. © Victor Klein Ausdrucksstarkes Ensemble: Susanne Langbein als Elektra, Dovlet Nurgeldiyev als Idomeneo, Anastasia Lerman als Ilia und Camilla Lehmeier als Idamante.

Regisseur Henry Mason über seine Neuinszenierung von Mozarts frühem Meisterwerk, die zerstörerische Logik des Krieges und die Hoffnung auf ein menschliches Miteinander.

In «Idomeneo» verwandeln Mozart und sein Librettist Giambattista Varesco einen antiken Mythos in eine neuzeitliche Erzählung. Wovon handelt das Stück im Kern?

Henry Mason Der Kriegsherr Idomeneo hat geholfen, Troja in Schutt und Asche zu legen. Nach dem zehnjährigen Krieg geraten die heimkehrenden Griechen in einen Orkan. In Todesangst leistet Idomeneo dem Meeresgott Neptun einen Eid: Er will den ersten Menschen opfern, der ihm in Kreta begegnet. Dieser Mensch ist – so musste es kommen – sein eigener Sohn Idamante. Idomeneos Versuche, diesem Dilemma zu entrinnen, führen dazu, dass Neptun seinen Zorn über Kreta entlädt und Idomeneo sich schließlich dem öffentlichen Druck beugen muss.

Parallel erzählt die Oper von Idamante und der trojanischen Prinzessin Ilia, einer Kriegsgefangenen der Griechen. Zur eigenen Bestürzung verlieben sich diese beiden Kinder verfeindeter Völker ineinander. Verkompliziert wird die Situation durch Elektra, die als vermeintliche Verlobte Idamantes vergeblich um dessen Zuneigung kämpft. Ihre Bitterkeit und ihr Bedürfnis nach Rache liegen wie ein dunkler Schatten über dem Stück.

Am Ende kann Neptun nur dadurch zum Einlenken bewegt werden, dass sich Ilia bereit erklärt, für Idamante zu sterben. Idomeneo dankt ab, und das neue Königspaar, Idamante und Ilia, will eine neue Ära des Friedens einläuten – ob das gelingen kann, bleibt offen.

Regisseur Henry Mason © Raphael Gutleben Regisseur Henry Mason

Der Stoff ist hochaktuell. Welchen Fokus setzt du in deiner Inszenierung?

Henry Mason Für mich geht es darum, wie Krieg Individuen und Gesellschaften deformiert. Idomeneo macht einen Deal mit dem Schicksal, um zu überleben – wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, der sagt: Egal, wen die nächste Kugel trifft, solange sie nicht mich trifft. Aber alles hat seinen Preis. Was passiert, wenn das Opfer das eigene Kind ist?

Im Frieden sperren wir Mörder:innen ein, im Krieg werden sie belohnt. Die Ethik des Krieges lautet: Mein Leben ist mehr wert als deines. Diese Logik ist überlebenswichtig – und zerstörerisch. Was geschieht, wenn Menschen aus dem Krieg heimkehren und sich von dieser Ethik nicht verabschieden können? Dass Idomeneo seinen Sohn opfern soll, steht für diese Perversion.

Auch wir im scheinbar sicheren Europa kennen diese Argumente: Aufrüstung sei notwendig, Opfer unvermeidlich. In Idomeneo vertritt der Chor diese Position. Er ist erschüttert, akzeptiert aber dennoch Idamantes Tod als unausweichlich. Was zählt ein einzelnes Leben gegen das Überleben der Gesellschaft?

Krieg bietet einfache, binäre Lösungen. Frieden dagegen verlangt Reife. Frieden zu leben heißt, Schuld anzuerkennen – die erlittene wie die eigene. Es heißt, den Feind als Menschen wahrzunehmen. Ilia und Idamante kämpfen mit ihrer scheinbar unmöglichen Liebe genau um diese neue Wirklichkeit.

Welche Umsetzung haben du und der Ausstatter Jan Meier gefunden?

Henry Mason Neptun steht bei uns nicht für das Meer, sondern für die Kriegslogik selbst: Töte, um zu überleben. Idomeneo kehrt traumatisiert aus dem Krieg zurück, verfolgt von der Erinnerung an ein trojanisches Kind, für dessen Tod er Verantwortung trägt. Blut an den Händen, das sich nicht abwaschen lässt.

Trauma ist unser Leitfaden. Wir zeigen, wie Vergangenes zur Gegenwart wird. In den Arien stürzen wir uns in die Innenwelten der Figuren, machen ihre offenen Wunden sichtbar. Ilia, Idamante und Elektra werden von ihren Kinder-Ichs begleitet – verletzlich und unschuldig. Video und Raum unterstützen den Wechsel zwischen realen Außen- und surrealen Innenwelten. Alles spielt in einer halb-mythischen Zeit, die an das 20. Jahrhundert erinnert – das Jahrhundert der großen Kriege.

Welcher Moment bildet für dich das Zentrum des Werkes?

Henry Mason Mozart beherrscht – wie Shakespeare auch – den Zaubertrick, mit jeder Figur mitfühlen zu lassen. Die Chormusik liebe ich sehr; Idomeneos Arie Fuor del mar ist ein szenisches Herzstück, das Quartett im dritten Akt sehr berührend. Aber Idomeneo ist ein komplexes Werk – am dritten Probentag wage ich keine Prognose. Wir begeben uns als Ensemble auf die Reise. Mal sehen, welche Perlen wir bergen.

 

FRAGEN Diana Merkel