Zwischen Komik und Wahnsinn

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Als Isabella am Hof des algerischen Herrschers auftaucht, bleibt in Rossinis Opernklassiker L‘italiana in Algeri kein Stein auf dem anderen – und kein Auge trocken.

Gioachino Rossinis L‘italiana in Algeri ist ein Meisterwerk der Komik. Neben Il barbiere di Siviglia ist es auch die beliebteste Opera buffa eines der wohl bedeutendsten italienischen Opernkomponisten überhaupt. Das Stück um die Liebe des seiner Gattin überdrüssigen algerischen Herrschers Mustafà zur feurigen Italienerin Isabella sowie seiner Verwandlung in einen närrischen Tölpel ist ein Feuerwerk an Emotionen – mit großem Witz, schillernden Figuren und hinreißender Musik. Nachdem Anette Leistenschneider bereits Rossinis Barbier humorvoll, bunt und sehr erfolgreich 2012 am Tiroler Landestheater in Innsbruck inszenierte, bringt sie heuer L’italiana auf die Bretter der Landeshauptstadt.

video - Titelbild

Warum ist die „Italiana“ seit ihrer Erstaufführung ein derartiger Dauerbrenner?
Anette Leistenschneider: L’italiana in Algeri ist eine Gute-Laune-Oper. Rossini hat – wie so oft in seinen Werken – eine witzige, charmante und verspielte Musik komponiert und das Geschehen in eine komisch bis absurde Handlung verpackt. Dazu hat er köstliche Charaktere erfunden, deren Denken und Handeln das Publikum zum Schmunzeln bringt. Und auch die Liebe kommt nicht zu kurz.

Die Oper ist teilweise übertrieben komisch. Ist sie denn auch reine Belustigung?
Rossini spielt liebevoll mit Klischees – ob es um den machohaften und selbstverliebten Mustafà geht, um seine Frau Elvira, die nur allzu gerne die Drama-Queen gibt, um Aufmerksamkeit zu erhalten, oder um die selbstbewusste und charmante Italienerin Isabella – er zeigt eine große Bandbreite von Charakteren und hält somit manch einem und manch einer den Spiegel vor. Zum Glück nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern.

Was können Sie uns über das Bühnenbild erzählen?
Um zügige Schauplatzwechsel zu ermöglichen und somit dem Tempo und Beweglichkeit der Musik Rossinis gerecht zu werden, haben mein Bühnenbildner Andreas Becker und ich die unterschiedlichen Räume auf die Drehscheibe gestellt. Diese setzen wird oft ein und können so den Figuren von Raum zu Raum folgen. Von der Ausstattung her erwartet das Publikum eine verspielte Mischung aus Orient und Okzident.

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Gibt es Anpassungen in der Inszenierung, die das Stück unserer Zeit annähern?
Gemeinsam mit meinem Kostümbildner Michael D. Zimmermann haben wir Kostüme entwickelt, die unsere Oper in Richtung der 1950er-Jahre verlegen.

Was denken Sie über Isabella? Ist sie eine Figur der weiblichen Emanzipation?
Isabella ist eine selbstbewusste Frau, die weder schnell aufgibt noch sich leicht einschüchtern lässt. Sie geht ihren Weg, auch wenn sich ihr Hindernisse in den Weg stellen – und dies mit viel Charme, Witz und Verstand und in großer Selbstverständlichkeit. So wird ihre emanzipierte Art sogar zum Vorbild für Elvira, die sich an Isabella orientiert und deren Verhalten sich im Verlauf der Oper sehr verändert.

Entspricht Isabella ebenso wie die Charakterisierung des Herrschers (alter, männlicher Tölpel) unserem Zeitgeist?
Isabella ist durchaus ein heutiger Charakter – und leider gibt es heute wie damals immer noch Herrscher, die in der Tradition von Mustafà stehen. Hoffen wir, dass das bald ein Ende findet…

Die Italiana braucht Sängerinnen und Sänger
mit einer – wie Mozart es für seine Konstanze
in der Entführung aus dem Serail beschrieben
hatte – „geläufigen Gurgel“.

Anette Leistenschneider

Welche Anforderungen stellt die Oper an die Sängerinnen und Sänger?
Die Italiana braucht Sängerinnen und Sänger mit einer – wie Mozart es für seine Konstanze in der Entführung aus dem Serail beschrieben hatte – „geläufigen Gurgel“. Und im Sängerensemble braucht es viel Spielfreude, Beweglichkeit, Witz und die Freude an Überspitzungen in der Darstellung der Charaktere.

Haben Klischees – sowohl was das Figuren-Repertoire als auch nationale Eigenheiten betrifft – heute noch einen Platz?
Auf der Opernbühne sicherlich. Dort geht es gerade im Bereich der Opera buffa und der Spieloper um Übertreibungen, um Überhöhungen und Überspitzungen. Davon lebt diese Gattung. Und dort sollten die Klischees auch bleiben. Im Alltag hingegen sollte man ihnen nur wenig Raum geben und diese immer wieder hinterfragen, um die eigene Einstellung vielleicht zu ändern und sich von Vorurteilen und Stereotypen zu verabschieden.

Was sind Ihre persönlichen Anknüpfungspunkte an die Oper, wo finden Sie sich wieder?
Das Genre der italienischen Opera buffa und der deutschen Spieloper liebe ich sehr. Es macht mich glücklich, nach den Vorstellungen in erheiterte und fröhliche Gesichter zu schauen – ganz besonders in diesen Zeiten, die uns allen so viel abverlangen.

 

Interview: Martin Lugger
Fotos: Amir Kaufmann


L’italiana in Algeri

Komische Oper von Gioachino Rossini. Text von Angelo Anelli

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