«Die Revolution, natürlich!»

Die Gerechten. Ein Schauspiel von Albert Camus über den moralischen Preis der Revolution und die Frage, ob Gerechtigkeit durch Gewalt entstehen kann.
Abgekapselt von der Gesellschaft schmiedet eine Gruppe von Sozialrevolutionär:innen seit Wochen einen Plan für das Attentat auf den Großfürsten Sergej. Sie besorgen den Zündstoff für die Bombe und spionieren den Weg aus, den der Großfürst nimmt, um zum Theater zu gelangen. Zunächst scheint der Attentäter Iwan Kaljajew noch überzeugt, dass die Gruppe tötet, «um eine Welt zu errichten, in der niemand mehr töten wird! Wir nehmen es auf uns, Verbrecher zu sein, damit es endlich nur noch Unschuldige auf der Erde gibt.» Doch als er sich der Kutsche nähert und zwei Kinder in der Kutsche des Großfürsten sieht, sinkt sein Arm. Er kehrt verzweifelt zur Gruppe zurück, die nun über ihn richten soll. Ein heftiger Streit entbrennt darüber, wer im Namen der Revolution getötet werden darf. Die Gruppe beschließt, die Tat zu verschieben. Beim zweiten Versuch gelingt sie – diesmal ohne Kinder in der Kutsche. Nach seiner Festnahme wird Kaljajews Gefängniszeit zum Albtraum: staatliche Todesurteile, Gewissensprüfung und die Begegnung mit der religiösen Witwe des Großfürsten.
Er wird jener «Mensch in der Revolte» sein, nach dem Camus sein nächstes Essay benennt. Darin lässt er verlauten: «Kaljajew zweifelte bis zum Schluss, und dieser Zweifel hinderte ihn nicht zu handeln; darin ist er das reinste Abbild der Revolte.» Kaljajew ist am Ende bereit, für seine Tat mit dem eigenen Leben zu bezahlen.
«Wir nehmen es auf uns, Verbrecher zu sein, damit es endlich nur noch Unschuldige auf der Erde gibt.»
Im Gegensatz zu einigen seiner linken intellektuellen Zeitgenoss:innen ist Camus der Meinung, dass keine Zukunft es wert sei, «dass in der Gegenwart für sie gemordet wird». Ausgehend von den damaligen stalinistischen Schauprozessen in der Sowjetunion verteidigen Größen wie Sartre zur damaligen Zeit das Töten im Namen der Geschichte. Der Streit, der sich darüber – insbesondere anlässlich Camus’ Essay – mit Jean- Paul Sartre entzündet, ist legendär: Zwei erwachsene Männer schreiben sich Briefe über 17, gar 22 (Zeitungs-)Seiten, in denen sie sich gegenseitig angreifen. Es ist ein Ringen um die Deutungshoheit über das menschliche Maß in einer gewaltvollen Welt. «Ein verschiedener Schlag Menschen. Der tötet einmal und bezahlt mit seinem Leben. Der andere rechtfertigt Tausende von Verbrechen und nimmt es hin, mit Ehrungen bezahlt zu werden», so Camus. In einem System zu leben, in dem Mächtige ohne Konsequenzen Schaden anrichten, ja Menschen opfern, während zugleich kein friedlicher Weg aus diesem Unrecht zu führen scheint – diese Problematik strahlt bis ins Heute. Auch jenseits des Atlantiks lassen sich erschreckend aktuelle Entsprechungen finden. So ist auch das 2024 verübte Attentat auf Brian Thompson ein erschütterndes Beispiel dafür, wie schnell sich politische Verzweiflung in Gewalt verwandeln kann.
Camus’ Stück fordert uns heraus, genau in dem Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch, politischem Zwang und menschlicher Verantwortung Stellung zu beziehen.
TEXT Sonja Honold



