
Prima Facie
Monolog von Suzie Miller
Deutsch von Anne Rabe
Inhalt
«Das Spiel der Gesetze» weiß die erfolgreiche Strafverteidigerin Tessa Ensler für ihre Mandanten gekonnt einzusetzen. Sie verteidigt Männer, die wegen sexueller Übergriffe angeklagt sind, und meistert scheinbar mühelos das komplizierte Geflecht aus Paragraphen, Macht und gesellschaftlicher Wahrnehmung. Doch die Karten des Spiels werden neu gemischt, als sie im Zeugenstand Platz nimmt. Sie ist nun selbst Opfer sexueller Gewalt. Die Tat wurde von einem Kollegen begangen und zwingt sie dazu, das Rechtssystem von der anderen Seite zu durchleben.
Der abendfüllende Monolog der australischen Autorin Suzie Miller erlebt seit seiner englischen Uraufführung 2019 internationale Beachtung, wurde am Broadway gespielt und erhielt 2023 den Olivier Award. Miller selbst arbeitete lange als Juristin und kennt die Mechanismen des Rechtssystems aus nächster Nähe. Mit Prima Facie greift sie einen juristischen Terminus auf, der «nach dem ersten Anschein» bedeutet: Ein Sachverhalt wird bis auf Widerruf nach seiner oberflächlichen Bewertung beurteilt, da weitere Beweise fehlen. Oft wird er bei der Behandlung von Sexualdelikten angewandt.
Von der souveränen Verteidigerin zur Betroffenen, vom juristischen Diskurs zur persönlichen Erfahrung, die Perspektive wechselt radikal. Dabei wird ein Rechtssystem sichtbar, das Objektivität beansprucht, aber von strukturellen Lücken geprägt ist. Prima Facie ist nicht nur ein Theaterstück über das Gesetz, sondern über Macht, Wahrnehmung und das fragile Gleichgewicht zwischen Gerechtigkeit und Realität.
Als gefeierter Welterfolg erobert Prima Facie nun auch den Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Innsbruck. Realität und Erzählung verschmelzen eindrücklich und verdeutlichen einmal mehr die Dringlichkeit gesellschaftlicher Debatten über Recht und Gerechtigkeit.


