Bis zum bitteren Ende

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Illusion oder Wirklichkeit? Liebe oder Hass? Edward Albees Dramen haben den Ruf, den Nerv der Zeit zu treffen und unter die Haut zu gehen. In seinem bekanntesten Stück Wer hat Angst vor Virginia Woolf? zeichnet er mit lebensnahen Figuren ein beklemmendes Abbild der Gesellschaft.

Edward Albee war ein Berufener, und zwar zu schreiben und dem modernen Amerika einen Spiegel vorzuhalten. Das gelang ihm mit seinen Stücken äußerst gut, mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf? noch ein „dramatisches“ Stückchen besser. Denn die beißende Ehesatire sorgte dafür, dass der im Jahr 2016 verstorbene Dramatiker auf den Bühnen der Welt unsterblich wurde. Dazu beigetragen hat wohl auch die Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Richard Burton, welche bekanntermaßen auch hinter der Kamera eine äußerst turbulente Ehe führten.

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Zur Handlung: Das Ehepaar Martha und George – ironisch benannt nach dem Vorzeigepräsidenten George Washington und seiner Frau – kehrt nach einem offiziellen Empfang auf dem Campus in seine Wohnung zurück. Während George, Dozent im Fachbereich Geschichte, denkt, der Abend sei zu Ende, hat seine Frau, die Tochter des Rektors ebendieser Uni, auf Betreiben ihres Vaters ein junges Paar eingeladen: den aufstrebenden Biologie-Dozenten Nick sowie seine Frau, von ihm nur „Süße“ genannt. Da Martha und George es aber lieben, Spielchen zu spielen, nimmt der Abend einen sehr unerwarteten Verlauf – bis zum bitteren Ende.

Während das Stück damals als skandalös galt, hat es heute keine Sprengkraft mehr, oder doch? „Nein, ein Skandalstück ist es sicherlich nicht mehr“, sagt Regisseur Stefan Maurer, „heute ist es ein Klassiker der Moderne. Auf der Bühne ist das Publikum ja schon recht viel gewöhnt – aber würde man sich vorstellen, Martha und George wären privat zu Besuch, sieht die Sache wieder anders aus.“

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„Ich habe zuerst den Film gesehen und fand ihn nicht skandalös“, hakt Antje Weiser (Martha) ein. „Ich fand es eher faszinierend – wie bei einem Unfall, bei dem man auch nicht wegschauen kann. Ich habe mich aber gefragt, warum die beiden zusammenbleiben.“ Für die Schauspielerin ist Martha eine elektrisierende Figur: „Sie ist der Motor des Ganzen und forciert die Spielchen.“

Gleichzeitig betrachtet sie Martha aber auch als zartfühlenderen Menschen, als sie vorgibt zu sein. „Letztendlich glaube ich, dass sie einfach geliebt werden will und dieser Sehnsucht immer hinterherrennt. Sie hatte Vorstellungen von ihrem Leben, aber sie blieb kinderlos, George machte nicht die Karriere, die sie sich vorgestellt hatte, sie selbst entwickelte auch keine großen Aktivitäten – und blieb so weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das weiß sie auch.“ Gleichzeitig verfügt Martha über eine Lebensgier, die sie nicht aufgeben lässt. „Es ist eine eigenartige Art zu leben, aber sie will etwas, sie pusht sich auf ihre Weise“, fügt Weiser hinzu.

„Ich war zuerst auf die Kammerspiele eingestellt und dachte,
die Bühne im Großen Haus wäre zu viel für mich – nach dem
Motto: Was soll ich in diesem riesigen Raum spielen?
Aber jetzt fühle ich mich frei und ich finde es toll.“

Antje Weiser

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Auch Stefan Maurer kann dem Paar ungewohnt positive Seiten abgewinnen. „Ich stelle mir das sehr romantisch vor. Die beiden waren ein wildes Paar, das ursprünglich viel vorhatte und gegen den Rest der Welt losziehen wollte. Aber wie es so ist: Er hat eine Professur erhalten, sie ist die Tochter des Rektors, Geld ist da – man bleibt einfach aufeinander hängen und in seiner Blase gefangen. Die Leere dieser Blase konnten sie lange kunstvoll ausfüllen, aber es ist ihnen klar, dass es eine Blase ist. So ziehen sie ihre Spielchen gemeinsam durch.“

Als Gegenpol zu den realitätsnahen dramatischen Szenen ist die Bühne sehr abstrakt gehalten und bietet viel Freiraum für die Schauspieler*innen. „Ich war zuerst auf die Kammerspiele eingestellt und dachte, die Bühne im Großen Haus wäre zu viel für mich – nach dem Motto: Was soll ich in diesem riesigen Raum spielen? Aber jetzt fühle ich mich frei und ich finde es toll“, sagt Antje Weiser über ihre Erfahrungen. Und wie es mit Erfahrungen eben so ist, man muss sie selbst machen. Das gilt auch für Martha und George, Nick und „Süße“. Denn meistens kommt es anders, als man denkt …

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? ist keine Anleitung zum Unglücklichsein“, schmunzelt Regisseur Maurer, „es geht im Stück letztendlich immer um Liebe. Es steckt ein lebendiger Kern darin – und Hoffnung. Ich sehe das nicht als Zerstörungsakt. Es geht tatsächlich darum, etwas zu finden. Es geht um Menschen, es geht um Liebe.“ Und diese findet jeder auf seine Weise – so mancher auf der Bühne.

 

Text: Patrizia Reppe-Pichler
Fotos: Birgit Gufler


Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Schauspiel von Edward Albee. Deutsch von Alissa und Martin Walser.

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