«Orest» | Harmonie in Aufruhr

21.5.2026 / blogartikel
Der Muttermörder Orest (Georg A. Bochow) trifft auf Tauris seine totgeglaubte Schwester Iphigenie (Anastasia Lerman). © Leon Arévalo Der Muttermörder Orest (Georg A. Bochow) trifft auf Tauris seine totgeglaubte Schwester Iphigenie (Anastasia Lerman).

Mit der Überschreibung des Händel-Pasticcios Orest  von Albrecht Ziepert feiert das Tiroler Landestheater Barock in neuem Gewand.

«Ein verlorener, ein verzweifelter Mann, müde seiner selbst, […] manchmal starrt er von der Brücke der Themse nieder in das nachtschwarze, stumme Strömen, ob es nicht besser wäre, mit einem entschlossenen Ruck alles von sich zu werfen!» So beschreibt Stefan Zweig in Sternstunden der Menschheit die Krise, in der sich Händel befunden haben mag. Unweigerlich gleicht diese Beschreibung auch dem Beginn eines Werkes des Komponisten, der Oper Oreste.

Der Namensgeber der Oper ist aus der griechischen Mythologie bekannt. Auch die Blutspur, die sich durch das Geschlecht der Atriden zieht, wird bis heute immer wieder neu interpretiert. Orest, der Muttermörder, der den Auftrag des Gottes Apollon ausgeführt hat, leidet unter seiner begangenen Schuld – die Erinnyen verfolgen ihn. Und so ist er auch gleich bei seiner Ankunft auf der Insel Tauris bereit, sich und seine quälenden Gedanken den Fluten des Vergessens zu übergeben. Er ist ein Täter, der nicht aus Rachelust handelte, sondern unter der Last seiner begangenen Pflicht zu zerbrechen droht.

Thoas, dem Herrscher der Insel Tauris, die heute als Krim bekannt ist, wurde vom Orakel verkündet, dass er von einem Unbekannten namens Orest den Tod erwarten darf. Vorsorglich hat er befohlen, alle Fremden zu töten. Und eben diese Taten muss Priesterin Iphigenie ausüben. Was Thoas nicht weiß: Sie ist Orests totgeglaubte Schwester, einst von ihrem Vater Agamemnon für günstigen Fahrtwind geopfert, doch von der Göttin Artemis gerettet. Inmitten dieses archaischen Albtraums begegnet sich das Geschwisterpaar, ohne sich zu erkennen – bis zum dramatischen Showdown.

 

«In dieser Dunkelheit blühen Händels Arien wie einzelne, strahlende Blumen auf.»

Händel schuf diesen Oreste 1734 unter enormem Druck. Die konkurrierende Opera of the Nobility hatte ihn von seiner angestammten Bühne am Haymarket verdrängt; fast sein gesamtes Ensemble war zur Konkurrenz übergelaufen. Am Covent Garden Theatre musste Händel sich nun behaupten. Er stellte auf dem Libretto von Gianguelberto Barlocci ein Pasticcio zusammen: Ein «Best-of» aus den eindrücklichsten Musiken seiner bisherigen über 20-jährigen Schaffenszeit. Doch was damals eine ökonomische Notwendigkeit war, entpuppt sich heute als dramatisches Kraftzentrum.

«Es ist eine dystopische Situation, in der sich Orest befindet », folgert der Komponist und Sounddesigner Albrecht Ziepert, der das Werk für das Tiroler Landestheater überschrieben hat. «Daher ist das der Kern, das Neue, die düstere Atmosphäre, in der Händels Komposition immer wieder herausscheint. In dieser Dunkelheit blühen Händels Arien wie einzelne, strahlende Blumen auf.» Weiterhin habe er auch eine andere Instrumentation gewählt. «Die bedrohliche Stimmung wollte ich durch eine andere Instrumentation plastisch erfahrbar machen, die die Feinheiten, die Händel eingearbeitet hat, heraushebt.»

Zwischen dem barocken Glanz und den Abgründen der Moderne wird hörbar, dass die Suche nach Erlösung in einer aus den Fugen geratenen Welt auch im 21. Jahrhundert noch lange nicht beendet ist.

TEXT Sonja Honold