Verhext und Zugestrickt

© Leon Arévalo

Stricken und Häkeln für «Hänsel und Gretel»

Gemeinsam starten wir eine Strick- und Häkelaktion. Im Oktober wollen wir bei sechs offenen Treffen im Theater und extern bis zu 500 Granny Squares herstellen, um die Säulen vor unserem Theater zu umgarnen. Gemeinsam wollen wir damit auf versteckte Armut in Tirol aufmerksam machen. Alle, die gerne stricken oder häkeln (oder es gerne lernen möchten) sind herzlich dazu eingeladen, beim Projekt mitzumachen. Kommt einfach vorbei!

Termine im Theater:

Wann? 3., 10., 17. und 24. Oktober, 14.00-17.00 Uhr.
Wo? Foyer, Haus der Musik (Universitätsstraße 1, 6020 Innsbruck)

Zusatztermine:

6. Oktober, 18.30 Uhr, ʼs gelbe Egg.
27. Oktober: 18.30 Uhr, «Stricken im Kino» (Metropol Kino).


Wir freuen uns außerdem über Wollspenden oder fertig gestrickte/gehäkelte Granny Squares (20 × 20 cm). Wer lieber zu Hause häkelt oder strickt, findet unten eine Anleitung. Abgegeben werden können Wolle und Granny Squares im Wolle-Korb bei der Kassa, im Haus der Musik Innsbruck.

Die dabei entstehenden Woll-Vierecke werden im Laufe der Zeit zu größeren Flächen zusammengenäht und an den Säulen vor dem Theater befestigt. Das entstandene Gesamtkunstwerk wird schließlich Teil des Bühnenbilds der Familienoper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, die am 5. Dezember 2026 im Großen Haus Premiere feiert.

Versteckte Armut in Tirol

Wer kennt es nicht, das Märchen Hänsel und Gretel, schriftlich festgehalten von den Gebrüdern Grimm, in der eine bitterarme Familie aus Mangel an Essen ihre zwei Kinder in den Wald schickt. Zwar sind zwischen der Oper Humperdinks und der Grimm’schen Märchenversion ein paar Unterschiede zu finden, dennoch bleibt das Ausgangsproblem dasselbe: ARMUT. 

Geld regiert die Welt und ist somit essentiell für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse: Ein Dach über dem Kopf, Essen, Trinken und soziale Teilhabe. Dies muss gewährleistet werden durch ein entsprechendes Einkommen, das von sehr vielen Faktoren abhängig ist, u. a. vom Bildungsgrad, sozialen und geographischen Umfeld, von unseren Lebensumständen und von verschiedenen Diskriminierungsstrukturen wie Sexismus, Rassismus, Ableismus (Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen) und Altersdiskriminierung. In unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft wird es kurzsichtigerweise oft den Individuen selbst zugeschrieben, wenn sie sich in Armut befinden.

Wohnungslose Menschen, dem untersten Bereich des Armutspektrums zugerechnet, erkennt man relativ leicht. Doch Armut existiert auch an Orten, wo wir sie nicht sofort bemerken. Über Geld spricht man nicht, und damit auch nicht über die eigene Armut. «Verhext und zugestrickt» möchte ein Licht auf genau diese Arten der versteckten Armut werfen, um sie so aus dem Versteck zu holen. Hier ein paar «erhellende» Fakten: Der Anteil an armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Menschen in Österreich beläuft sich aktuell auf 18,8 %, also knapp jede:r fünfte:r Österreicher:in ist betroffen, davon 24% Kinder, 48% alleinerziehende Eltern und 30% alleinstehende Frauen in der Pension. Jeder fünfte Haushalt mit Kindern ist armutsgefährdet, insgesamt 341.000 Haushalte, 323.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind sogar von Armut bedroht.

Besonders kritisch ist die Situation bei Familien mit nur einem Elternteil, hier liegt die Armutsgefährdung bei über einem Drittel (38%). In diesen Familien ist es nicht nur schwer, Rechnungen zu bezahlen oder eine kaputte Waschmaschine zu ersetzen, sondern sie werden durch die Gefährdung auch von der materiellen und gesellschaftlichen Teilhabe ausgegrenzt. Was für viele von uns selbstverständlich erscheint, wie z. B. mit einer Freundin ins Kino zu gehen oder an einem Schulausflug teilzunehmen, ist oft aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich. Dies führt zu starker mentaler und emotionaler Belastung, alle Familienangehörige sind davon betroffen. Hier angemerkt: Die Wahrscheinlichkeit, später als Erwachsener in armen Verhältnissen zu leben, ist um ein Vielfaches höher, wenn jemand bereits aus solchen kommt. Es ist also eine Chancenungleichheit, die von Geburt an besteht. Armut kann ebenso vererbt werden wie Vermögen.

Ebenso trifft es oft Mütter: Im Durchschnitt leisten Frauen in Mehrpersonenhaushalten immer noch 43% mehr an nicht erwerbstätiger Care-Arbeit (Sorgearbeit) als Männer, in Form von Haushalt und Kinderbetreuung. Dies führt zu vermehrter Teilzeitarbeit von Frauen. Auf lange Sicht bedeutet das weniger Einkommen und damit eine geringere Pension. Dass die österreichische Bundesregierung sich diesem Problem nicht ausreichend bewusst ist, bezeugt die unlängst getätigte Aussage unseres Bundeskanzlers Christian Stocker: Kinderbetreuung sei keine unbezahlte Arbeit, in Familien stelle man (frau!) sich selbstverständlich zur Verfügung, Familien seien doch nicht als «Business Case» zu betrachten. (Kurz darauf hin hat er sich auch öffentlich dafür entschuldigt.)

Die Ursachen der Armut liegen oft in ihrem Lebenslauf, hinzu kommt der Gender Pay Gap von 17,6 %, der Einkommenslücke zwischen erwerbstätigen Frauen und Männern. Es ist eine einfache Rechnung: Wer mehr verdient, bekommt mehr Pension. Aufgrund dieser Umstände, die vor allem durch traditionelle Geschlechterrollen und unzureichender Kompensation des Staates hervorgerufen werden, bekommen Frauen in Österreich durchschnittlich 40% weniger Pension als Männer, in Tirol sind es sogar 44%, und leben häufig in finanzieller Abhängigkeit vom Partner, in der eine Trennung/Scheidung oder eine Verwitwung prekäre Folgen haben kann. Jede fünfte Frau ab 65 Jahren gilt in Tirol als armutsgefährdet. Wollen wir mütterliche Fürsorge so belohnen oder besser gesagt, bestrafen?

Deswegen braucht es nicht nur eine bessere Anrechnung der Karenzzeit, sondern auch eine gleichsam aufgeteilte Arbeit für Haushalt und Kinder zwischen Müttern und Vätern, sowie ein Pensionssystem, das Care-Arbeit mit einberechnet und auffängt.

Strick- und Häkelanleitung

Anleitung zum Stricken eines Granny Squares

gewünschte fertige Maße: 20x20cm
Stricke alle Maschen rechts in Hin- und Rückreihe.
Die erste und letzte Masche jeder Reihe ist eine Randmasche.
Wolle und Nadelstärke können selbst gewählt werden.
Beginne mit einer Maschenprobe.
Für das Beispiel Granny Square haben wir eine Nadelstärke 4 mit einem Garn 50g=110m verwendet.
10 cm x 10 cm = 21 M x 28 R
Wenn das Granny Square fertig ist, umhäkel das Quadrat mit einer Reihe fester Maschen.

Anleitung zum Häkeln eines Granny Squares

gewünschte fertige Maße: 20x20cm
erweitere die rechtsstehende Anleitung einfach um so viele Reihen, bis du ungefähr auf 20x20cm kommst.
Wenn das Granny Square fertig ist, umhäkel das Quadrat mit einer Reihe fester Maschen
Wolle und Nadelstärke können selbst gewählt werden.