Bahnbrechender Expressionismus

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Der wahnsinnige Dr. Caligari lässt jemanden ermorden, der von seinen Verbrechen nichts weiß. Bester Stoff für ein Musical, findet Intendant Johannes Reitmeier.

Herr Intendant, können Sie sich noch erinnern, wann und warum Sie zum ersten Mal den Film Das Cabinet des Dr. Caligari gesehen haben? Was waren Ihre ersten Gedanken, was hat Sie gefesselt?
Johannes Reitmeier: Für Stummfilme begeistere ich mich schon seit meiner Jugend. Murnaus Faust, Fritz Langs Metropolis oder seine Nibelungen halte ich für großartige Dokumente der Filmgeschichte. Mit Caligari habe ich mich tatsächlich erst während der ersten Beschäftigung mit der Musicalfassung näher befasst. Aber auch dieses Meisterwerk faszinierte mich auf Anhieb. Vor allem die Ästhetik ist bahnbrechend.

Dieser Dr. Caligari übt ja nicht nur innerhalb der Geschichte eine große Faszination auf sein Publikum aus, auch die Filmbesucher*innen waren und sind von dieser Figur magisch angezogen. Was macht den besonderen Reiz des Dr. Caligari aus?
Reitmeier: Es liegt in der Natur der Sache, dass uns auf der Bühne wie im Film die sinistren, die mysteriösen, gefährlichen Charaktere mehr in ihren Bann schlagen als die vermeintlich Guten. Der Gaukler Caligari verhehlt seine bösen Absichten kaum, dennoch fallen wir auf seine marktschreierischen Versprechungen gern herein – weil sie unsere Neugier wecken.

video - Titelbild

Führt Regie: Intendant Johannes Reitmeier.

Das Musical ist ja „frei nach dem gleichnamigen Film“ entstanden und weist einige Änderungen auf: Es fehlt die Rahmenhandlung, und die Liebesverwirrungen zwischen Jane und den beiden Freunden Alan und Francis nehmen viel mehr Raum ein. Wie verändert das die Geschichte?
Reitmeier: In der Filmvorlage bleiben die Figuren rund um die zentrale Person Dr. Caligari etwas blass und führen – von Francis einmal abgesehen – eigentlich kein wirkliches Eigenleben. Die Musicalfassung billigt ihnen deutlich mehr Präsenz zu. Gleichwohl bleibt der Magier auch hier Dreh- und Angelpunkt der Handlung.

Eine weitere Änderung ist die Rolle des Kommissars. Im Film spielt die Polizei nur eine Nebenrolle, an der Aufklärung der sonderbaren Vorgänge sind besonders Francis und der Vater von Jane beteiligt. Im Musical nimmt nun ein Kommissar diese Stelle ein. Was ist dieser Kommissar für ein Mensch?
Reitmeier: Zunächst einmal erwächst Caligari in der Rolle des Kommissars ein ernst zu nehmender Gegenspieler. Gleichzeitig geistert er als eine ebenso groteske wie zwielichtige Gestalt durch das Stück und bereichert es um eine willkommene Facette.

„Ich gestehe, dass ich ein Faible
für gut gemachte Horrorfilme habe.“

Johannes Reitmeier

Die vielleicht größte Veränderung betrifft das Faktotum Cesare. Im Film bleibt es stumm, im Musical legt es seine innersten Gefühle offen. Zerstört das nicht den Hauch des Rätselhaften?
Reitmeier: Im Gegenteil: Wo Cesare im Film nur seelenloser Erfüllungsgehilfe für die Verbrechen seines Meisters bleibt, gewinnt der Somnambule im Musical durchaus menschliche Züge. Trotzdem bleibt er geheimnisvoll. Außerdem setzt die für dieses Genre ungewöhnliche Stimmlage Counter einen melancholischen Akzent.

Die Musik bietet eine große Vielfalt – in einigen Kritiken zur Uraufführung wurde sie mit der von Tom Waits verglichen. Wie würden Sie die Musik beschreiben – und haben Sie einen Lieblingssong?
Reitmeier: Die Musik ist weit weg von jedem Mainstream und unterhält dabei im besten Sinne als schräger, skurriler und auch mutiger Stilmix! „Schmissige Rhythmen und trauerkomische Färbungen“, hieß es in einer Kritik zur Uraufführung. Das trifft es sehr gut. Eigentlich gebe ich keiner Nummer den Vorzug, aber Caligaris Song „Wenn die Nacht sich niedersenkt“ ist schon besonders elektrisierend.

Letzte Frage: Gruseln Sie sich eigentlich gerne?
Reitmeier: Ich gestehe, dass ich ein Faible für gut gemachte Horrorfilme habe. Aber Das Cabinet des Dr. Caligari ist ja nicht nur gruselig, sondern auch witzig und bizarr. Das gefällt mir.

 

Interview: Axel Gade / Patrizia Reppe-Pichler


Das Cabinet des Doktor Caligari

Musical Toni Matheis und Raymund Huber (Komposition) und Wolfgang Sréter (Libretto)

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