Der Körper im Mittelpunkt beim Tanzabend «Bodies»
Zwei Stücke, ein Thema: Bei Bodies dreht sich alles um den Körper – als Marketingobjekt, Wohnraum für Geist und Seele oder als komplexer Organismus. Die Kombination von Marcel Leemanns Meat Market und Caroline Finns Over my Dead Body verspricht einen bildreichen, mitreißenden und subtilen Doppel-Tanzabend im Großen Haus.
Meat Market
In diesem Stück stehen mehr denn je die Tänzerinnen und Tänzer direkt im Mittelpunkt. Eine Gruppe von acht präsentiert sich im intimen Rahmen vor ihrem Publikum. Das Setting ist nicht eindeutig zu verstehen: Ist es eine knallharte Konkurrenzsituation oder ist alles nur Show? Zeigen uns die Performenden auf der Bühne ihre wahren Persönlichkeiten oder stellen sie bloß etwas dar? Sich immer wieder neu zu erfinden ist hier Thema: Die Selbstvermarktung schlägt sich in je vier Sets von verschiedenen Kostüme für jede Tänzerin und jeden Tänzer nieder. Von Unterwäsche über sportlich-casual oder chic-glamourös bis zum Abendkleid – der Jahrmarkt der Eitelkeiten kennt keine Grenzen.
Die Künstler:innen werden zu Objekten: Welche Seite müssen sie von sich präsentieren, um beim Publikum zu punkten? Welches Fleisch ist das beste? Meat Market erkundet den Akt der Selbstvermarktung, atmosphärisch unterstützt durch Musik, Kostüme und Bühnenbild. Am Ende zeigt sich jedoch, dass die wahre Schönheit der Kunst jenseits der oberflächlichen Kommerzialisierung liegt. Es ist ein Appell ans Publikum, Kunst nicht als Ware, sondern als Ausdruck der menschlichen Identität zu verstehen.
Over My Dead Body
In einem Universum, das nahtlos zwischen dem Land der Lebenden und dem Land der Toten wechselt, untersucht Over My Dead Body die intime Beziehung zwischen Körper und Seele – und die Art und Weise, wie sich diese Beziehung verändert, wenn das Leben zu Ende ist.
In einer Art Wohnzimmer versammelt sich eine eigentümliche Gruppe von Figuren, um die Toten zu betrauern. Als Seelen, die in vorübergehenden Körpern wohnen, sehen sie sich mit der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert und suchen nach Verbindung, Sinn und Trost in einer Welt, die von Unsicherheit und Konflikten geprägt ist. Gemeinsame Ängste, private Sehnsüchte und flüchtige Gesten der Zärtlichkeit tauchen im Raum zwischen ihnen auf. Allmählich beginnen sie zu entdecken, was sie miteinander verbindet: das Bedürfnis, gesehen, gehalten und in Erinnerung behalten zu werden.
In einem anderen Raum kümmern sich zwei ungewöhnliche Wächter um eine Sammlung von Leichen. Ihre Arbeit ist zugleich forensisch und behutsam: Sie untersuchen, bereiten vor und ehren Körper, die nicht mehr für sich selbst sprechen können. Ihre Handlungen sind sachlich, präzise und auf seltsame Weise intim. Sie heben, ordnen, beobachten und kümmern sich um jeden Körper mit einer Sorgfalt, die zugleich klinisch und zutiefst menschlich ist. In diesen stillen Ritualen werden Fleisch und Knochen zu Orten der Erinnerung – Mahnmale für Bewegung, Empfindung und all die Möglichkeiten, die einst in ihnen schlummerten.
Mit schwarzem Humor und zugleich tiefer Sensibilität setzt sich Over My Dead Body mit der Fürsorge und dem Respekt auseinander, die wir unserem eigenen Körper und den Körpern anderer entgegenbringen. Mit einem imposanten Bühnenbild und einem facettenreichen Soundtrack entfaltet sich dieses zeitgenössische Tanzstück in einer Reihe lebhafter, äußerst körperbetonter Tableaus und entführt das Publikum in eine filmische Welt, die zwischen Präsenz und Abwesenheit schwebt.