Interview | «Der Talisman» von Nestroy

Dominique Schnizer und Elisabeth Schack im Gespräch.
Elisabeth Schack Ist Nestroy noch zeitgemäß?
Dominique Schnizer Die meisten guten Stücke verlieren ja nicht an Aktualität. Das Ärgernis an den Menschen ist, dass sich technische Gegebenheiten ändern, gewisse Berufe verschwinden, neue auftauchen, aber die menschlichen Dynamiken sehr gleich bleiben. Im Stück gibt es Gartenknechte und Kammerzofen, diese Berufe gibt es nicht mehr, aber die Menschen in diesen Konstellationen gibt es auf jeden Fall noch. Wir haben ein ästhetisches, der Zeit verhaftetes Konzept. Bei einem Film oder einer Serie ist es doch ganz klar, dass ich in einer anderen Zeit bin und für mich trotzdem antizipieren kann, dass das etwas mit mir heute zu tun hat. Wenn wir das Stück aus dieser Zeit heraus erzählen, wird es für mich klarer, dass die Probleme, die uns heute beschäftigen, damals schon präsent und virulent waren. Und an der Vergangenheit wird deutlich, dass sich viele Dinge immer wieder wiederholen.
Was ist das Besondere an der Sprache Nestroys?
Nestroy war ja selbst Schauspieler und hat für sich und seine Kolleginnen und Kollegen die Texte geschrieben. Der wusste genau, für welche Leute er schreibt. Er hatte ein sehr großes Bewusstsein, wie man den Text spricht, damit er gut im Mund liegt und welchen Rhythmus er haben muss. Manchmal stolpert man über einen Satz oder ein Wort, dann reicht es, die Betonung zu ändern, damit es funktioniert.
Wie arbeitest du mit den Schauspieler:innen an diesem besonderen Text? Ich habe gerade viel Energie, Rhythmus und Humor während der Probe gesehen.
Ich habe Nestroy sehr früh kennengelernt, und diese Art Humor hat mich sehr geprägt. Nestroy zu spielen hat viel mit Lust und Bösartigkeit zu tun.
Diese Lust und dieser Rhythmus kommen auch durch die Musik. Wie geht ihr damit um?
Die Couplets, die bei Nestroy vorkommen, kommentieren die Handlung und sind Anspielungen auf große Musikerfolge von damals. Ab der zweiten oder dritten Strophe haben sie kabarettistisches Format und parodieren Ereignisse der damaligen Zeit. Die Figuren treten aus der Handlung heraus und besingen virulente tagesaktuelle Zeitgeschehnisse. Das machen wir auch – als Fenster in die Gegenwart. Wir haben die Originalkomposition von Adolf Müller als Basis, Bernhard Neumaier aus der klassischen Musik und Nenda, die Hip-Hop und Rap macht, und das alles kombinieren wir und nennen es Biedermeier-Hip-Hop. Gegenwart und Vergangenheit küssen sich in gewisser Weise.
Wo küssen sich Gegenwart und Vergangenheit bei der Ausstattung?
Alles ist schmutziger, dreckiger: außen hui, innen pfui, aber die Fassade stimmt. Vielleicht hat die eine oder andere Figur auch eher so bräunliche Zähne. Die Räume des Schlosses und das Make-up bei den Damen sind schon abgeblättert. Die Vergangenheit wird ja auch oft verklärt …
Wer ist deine Lieblingsfigur im Talisman?
Das Faszinierende ist, dass ja selbst die Figuren, die nur drei Sätze sagen, ungemein scharfe Sätze haben. Nestroy kommt aus der Praxis und hat pointierte Texte für Menschen, die er kannte, geschrieben; jede Nebenfigur trägt zum Gesamtbild bei. Er zeigt uns eine Gesellschaft, die Rothaarige ausgrenzt. Die roten Haare sind das Symbol für Vorurteile und Diskriminierungen in all ihren Ausprägungen. Alle diese Nebenfiguren zeigen mir genauso diesen Kosmos.
Dein Nestroy-Tipp?
Am Theater ist es generell wichtig, den Text ernst zu nehmen. Als Arbeitsgrundlage ist es wichtig, die Stoffe, derer wir uns annehmen, gut und genau zu erkunden.




