«missing in cantu» | Im Sog des Goldes

Bettina Bruinier inszeniert Johannes Maria Stauds rauschhaftes Musiktheaterwerk missing in cantu (eure paläste sind leer) als Österreichische Erstaufführung.
Dieses Musiktheater beginnt mit dem Ende der Zeit: ein leerer Palast, verwüstet, verlassen, die Welt kollabiert, das chronologische Kontinuum eingestürzt. Ein Seher zieht Bilanz. Er hat alle Katastrophen vorhergesehen, aber keine abwenden können. Im Dialog mit Echo stellt er sich der Anklage, seine Möglichkeiten verpasst zu haben.
missing in cantu (eure paläste sind leer) entfaltet sich als Rückblick in Schleifen, Brüchen und Wiederholungen. Das Libretto des österreichischen Dramatikers Thomas Köck verknüpft mehrere Bildwelten: die brutale Eroberung des amerikanischen Kontinents durch spanische Konquistadoren im 16. Jahrhundert, die heutige Opiatkatastrophe in US-amerikanischen Vorstädten und dystopische Szenen aus einer Fleischfabrik, die die brutalen Auswüchse eines Turbokapitalismus zeigen. Nach dem Zusammenbruch der westlichen Welt erscheint Geschichte rückblickend als Spirale einer Dynamik von Machtrausch, Unterwerfung, Ausbeutung und Verdrängung.
«Staud verbindet gesellschaftliche Analyse mit einer mitreißenden Klangsprache.»
Johannes Maria Staud, 1974 in Innsbruck geboren, vielfach international ausgezeichnet und zuletzt mit dem Tiroler Landespreis für Kunst geehrt, verbindet in seinen Arbeiten gesellschaftliche Analyse mit einer äußerst erfindungsreichen, mitreißenden, suggestiven Klangsprache. Während der Titel missing in cantu auf eine säkulare Messe anspielt und das Werk sich tatsächlich als eine Art Requiem auf das Ende einer Zivilisation deuten lasst, setzt Staud der dystopischen Bilderflut eine überbordend farbige, vielseitige und geradezu offensiv lebendig wirkende Musik entgegen, die heterogenste Stil- und Materialebenen zu einem eindrucksvollen Kaleidoskop fügt.
Die klassische Orchesterbesetzung ist erweitert um umfangreiches Schlagwerk, Klavier und Hammondorgel. Hinzu kommt eine zentrale elektronische Ebene, realisiert vom SWR Experimentalstudio. Die schwebende, sich in fragilen Klangflächen mit zahlreichen Glissandi vorantastende Musik der Seher-Szenen steht in extremem Kontrast zum überzeichneten Opernpathos der Eldorado-Szenen mit machtvollen Chören, Blechbläserblöcken und heroischen Gesangsgesten. In die szenischen Bilder einer Endzeit des US-amerikanischen Kapitalismus klingen plötzlich Gospelmelodien, Swing und Bigband hinein.
Die Inszenierung dieses hoch aktuellen, 2023 in Weimar uraufgeführten Werks, das am Landestheater seine Österreichische Erstaufführung erleben wird, liegt in den Händen der Regisseurin und Co-Direktorin Schauspiel Bettina Bruinier.
TEXT Julia Spinola



