«Codeborn» | Die Maschinen und wir

11.9.2026 / blogartikel
Lucy Altus (Nur) und Julien Horbatuk (Guy) im installativen Setting der Inszenierung von Florentine Klepper. © Frol Podlesnyi Lucy Altus (Nur) und Julien Horbatuk (Guy) im installativen Setting der Inszenierung von Florentine Klepper.

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn sie beginnt, sich den Logiken ihrer eigenen Technologien anzupassen? Dieser Frage widmet sich Codeborn, das neue Musiktheater der Komponistin und Multimedia-Künstlerin Zara Ali.

Codeborn entstand als Koproduktion der Münchener Biennale – Festival für neues Musiktheater und des Tiroler Landestheaters in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsoper, der Ars Electronica Linz und den Klangspuren Schwaz. Nach der Uraufführung bei der Münchener Biennale ist die Produktion nun auch in Innsbruck zu erleben.

Zara Ali gehört zu einer Generation von Künstler:innen, die sich selbstverständlich zwischen Kunst, Wissenschaft und Philosophie bewegen. Ausgangspunkt für Codeborn waren ihre Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz und die Frage, was geschieht, wenn Systeme nicht mehr nur Werkzeuge bleiben, sondern beginnen, eigene Strukturen hervorzubringen. Dabei interessiert sie weniger die moralische Bewertung neuer Technologien als deren ästhetische und existenzielle Dimension.

Die Handlung führt in die fiktive Welt Benthos. Der Begriff bezeichnet in der Meeresbiologie die Gesamtheit aller Lebensformen, die am Grund von Gewässern leben – Regionen, in die kaum Licht dringt und in denen zum Teil enormer Druck herrscht. In Codeborn wird Benthos zu einem poetischen Bildraum. Die Figuren leben in einer Welt permanenter Anpassung, deren Regeln zunehmend von technologischen Systemen bestimmt werden. Was zunächst wie ein wissenschaftlicher Bericht beginnt, entwickelt sich dabei zu einer vielschichtigen Erzählung zwischen philosophischer Reflexion, Liebesgeschichte und surrealer Transformation.

Elektronische Klänge mit Instrumental- und Vokalmusik

Im Zentrum steht der Programmierer Guy, der realisiert, wie eine künstliche Intelligenz zunehmend Einfluss auf das Leben der Menschen gewinnt. Staatliche Kontrolle, Überwachung und Manipulation verdichten sich zu einem System, das immer tiefer in Wahrnehmung und Bewusstsein eingreift. Gleichzeitig entwickelt Guy eine Beziehung zu Nur, einer virtuellen Erscheinung, die ursprünglich von ihm selbst geschaffen wurde. Zwischen wissenschaftlicher Neugier, emotionaler Bindung und wachsender Entfremdung beginnt die Grenze zwischen Realität und Simulation zu verschwimmen.

Musikalisch verbindet Codeborn elektronische Klänge mit Instrumental- und Vokalmusik. Dabei treffen unterschiedliche musikalische Traditionen aufeinander und bilden einen vielschichtigen Klangraum zwischen technologischer Präzision und menschlicher Verletzlichkeit. So entsteht kein Zukunftsszenario im klassischen Sinn, sondern ein Musiktheater über Fragen, die bereits heute gegenwärtig sind: Wie formen technische Systeme unsere Wirklichkeit? Was bedeutet Nähe in digitalen Räumen? Und wie verändert sich der Mensch, wenn er beginnt, seine eigenen Schöpfungen nicht mehr vollständig zu verstehen?