Einladung zum «Ball im Savoy»
Es lässt sich schon erahnen, welch fantastische Welt für Paul Abrahams Ball im Savoy gerade entsteht: In den Werkstätten und der Schneiderei des Tiroler Landestheaters nehmen ein spektakuläres Bühnenbild und opulente Kostüme Gestalt an.
Im Zentrum der Operette stehen Madeleine und Aristide, ein frisch verheiratetes Paar, das gerade von seiner Hochzeitsreise zurückkehrt. Kaum im gemeinsamen Leben angekommen, wird ihre Ehe auf die Probe gestellt: Ein Versprechen aus Aristides Vergangenheit führt ihn zu einem Rendezvous ins Savoy. Madeleine aber ist nicht bereit, für ihren Mann andere Regeln gelten zu lassen als für sich selbst. Was folgt, ist nicht nur ein Spiel aus Verkleidung, Verwechslung und Täuschung, sondern ein durchaus ernsthafter Streit darüber, welche Freiheiten Männer und Frauen für sich beanspruchen dürfen und wer eigentlich bestimmt, was eine Ehe aushalten muss.
Dass diese Fragen heute so unmittelbar erscheinen, ist eine der vielen Qualitäten des 1932 in Berlin uraufgeführten Werks. Abrahams Figuren fügen sich nur bedingt in die gesellschaftlichen Rollen, die für sie vorgesehen sind. Besonders die Frauen treiben das Geschehen mit großer Selbstverständlichkeit voran: Madeleine fordert Gleichberechtigung nicht als abstraktes Ideal, sondern ganz konkret für das eigene Leben ein. Ihre Cousine Daisy wiederum führt neben ihrer gesellschaftlich akzeptierten Existenz eine zweite, höchst erfolgreiche Karriere. Die Operette macht sich einen Spaß daraus, Gewissheiten über Geschlecht, Treue und gesellschaftliche Konventionen ins Wanken zu bringen. Dabei scheint
immer wieder auf, wie ernst es ihren Figuren mit der eigenen Freiheit ist.
Diese Beweglichkeit prägt auch Abrahams Musik. In Ball im Savoy begegnet die Operettentradition den musikalischen Erfahrungen der frühen 1930er-Jahre. Jazz und zeitgenössische Tanzmusik finden ebenso selbstverständlich Eingang in die Partitur wie große Ensembles und lyrische Momente. Gerade aus diesem Nebeneinander entwickelt das Werk seine besondere Energie: Abraham schreibt eine Musik, die mit bemerkenswerter Leichtigkeit zwischen unterschiedlichen Stilen wechselt.
Für die Innsbrucker Produktion kommt ein entsprechend vielgestaltiges Ensemble zusammen. Ensemblemitglieder aus Musiktheater und Schauspiel treffen auf Tänzer:innen; mit Susanne Langbein steht zudem ein langjähriger Publikumsliebling wieder auf der Bühne des Tiroler Landestheaters. Gemeinsam mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Guido Mancusi und in der Regie des vielfachen Operetten-Frosch-Preisträgers Christian von Götz entsteht so eine Produktion, die den Glamour ernst nimmt, ohne sich darin zu erschöpfen und Konventionen immer wieder aufs Lustvollste unterläuft.
«Ich liebe die Operette der 1920er-Jahre, weil sie jazzy, wild, subversiv, divers, feministisch und ungeheuer freizügig ist.»
«Ich möchte mit Ball im Savoy das perfekte Entertainment: ein melodienseliges, genderfluides, tanzwütiges, artistisches und energetisches Showspektakel, in dem die Komödie kracht und funkelt. Aber zum perfekten Entertainment gehört für mich auch das Bewusstsein für den geschichtlichen Zusammenhang. Ich liebe die Operette der 1920er-Jahre, weil sie jazzy, wild, subversiv, divers, feministisch und ungeheuer freizügig ist. Diese Aufführungen waren keine netten, niedlichen Veranstaltungen, sie waren rauschhafte Feste, ein wirklicher Tanz auf dem Vulkan. Und sie wurden von Menschen geschaffen, von denen viele jüdisch, queer oder politisch links waren und die nur wenige Jahre später verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Auch der Librettist von Ball im Savoy, Fritz Löhner- Beda, wurde in Auschwitz ermordet. Diese Geschichte gehört für mich zu den Werken dazu. Gerade deshalb möchte ich ihre Freiheit, ihre Frivolität und ihre Lust am Leben heute mit aller Kraft feiern.» (Christian von Götz, Regie)