«Madama Butterfly» | Grausame Schönheit

18.3.2026 / blogartikel
Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović und Dirigent Enrico Calesso im Gespräch © Leon Arevalo Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović und Dirigent Enrico Calesso im Gespräch

Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović und Dirigent Enrico Calesso zum Probenstart von Madama Butterfly. Ein Gespräch.

Enrico Calesso Ich fand, das war gerade eine sehr schöne Konzeptionsprobe. Mir gefällt das Regiekonzept sehr, weil Japan und Amerika als kulturelle Gegensätze zwar präsent sind, wir die Geschichte aber nicht geografisch begrenzt, sondern universell erzählen. Und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit dir. Ich glaube, gerade bei diesem Stück ist eine weibliche Perspektive unglaublich wichtig.

Jasmina Hadžiahmetović Das kann ich nur zurückgeben. Was mich bei diesem Werk stark beschäftigt, ist, dass ich fast Hemmungen habe, die Themen laut auszusprechen. Es beschämt mich, dass wir als westliche Welt noch immer in Strukturen leben, die auch schon vor über hundert Jahren verhandelt wurden. Die Welt ist zusammengerückt, wir begegnen uns ständig, aber nicht immer auf Augenhöhe.

Enrico Ja, und genau das sieht man bei Pinkerton. Er ist nicht reflektiert genug, um zu erkennen, dass es Menschengruppen gibt, die selbstverständlich durch die Welt gehen und sich nehmen können, was sie wollen. In diesem Stück ist das alles zugespitzt. Es geht um das Leben einer Frau, Cio-Cio-San. Sie geht zugrunde, und am Ende bleibt das Kind.

Jasmina Am Anfang ist es für alle ein Spiel – die Hochzeit, der Vertrag. Aber Cio-Cio-San hat längst andere Erwartungen. Vielleicht bricht sie damit innerlich den Vertrag der Ehe auf Zeit. Vielleicht ist das aber auch ihr einziger Ausweg. Und genau das macht es so grausam: Als Frau kann sie gesellschaftliche Zwängen nur entkommen, indem sie in einen anderen Käfig geht. Diese Dynamik gibt es bis heute.

 

«Es geht immer um die emotionale Wahrheit.»

Enrico Ja, es ist alles so grausam und so real. Und dann kommt Puccinis Musik dazu. Diese verführerische, manipulative Schönheit, die unter die Haut geht. Man könnte fast daran scheitern. Denn wenn man nur die Schönheit der Musik ausstellt, wird es oberflächlich. Puccini nimmt aber jede Figur menschlich ernst, ohne Moral. Das Publikum muss mit Pinkerton mitfühlen, mit Butterfly, sogar mit Kate. So entsteht Verständnis.

Jasmina Ich sage den Sänger:innen immer: Das Publikum versteht vielleicht nicht jedes Wort, aber immer die emotionale Wahrheit. Wenn man sich in einzelne schöne Stellen verliebt, verliert man den Zusammenhang. Ich hoffe, dass ich am Ende der Produktion mit anderen Erkenntnissen herausgehe, als ich hineingegangen bin. Und dass dieser Effekt auch für das Publikum eintritt, dass es neben großartiger Musik auch eine Überraschung erlebt, etwas, das sie
so noch nicht gesehen haben.

Enrico Ich wünsche mir, dass Musik und Geschichte das Publikum unmittelbar erreichen. Es ist ein großartiges Kaleidoskop menschlicher Gefühle, Triebe, Gedanken, Weltanschauungen.

 

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