Zwischen Poesie, ewigen Themen und satirischem Witz

Im Rahmen unserer Kooperation mit der Universität Innsbruck führten die zwei Studentinnen Anna Sophia Pernkopf und Anastasia Presente ein Interview mit Calixto María Schmutter über die Entwicklung und das Konzept zu Der Sturm oder La Isla Bonita.
Im Spielzeitheft 25/26 hieß es noch «Stück in Planung». Weshalb fiel die Entscheidung schließlich auf Shakespeares «Der Sturm»?
Calixto María Schmutter Der Sturm hat uns vor allem wegen seiner diversen Figurenkonstellationen interessiert: Es gibt machtgetriebene, junge Adelige und altersmilde Herrscher, frisch Verliebte, rebellierende Unterdrückte und Zauberwesen. Durch unseren sehr spezifischen thematischen Zugriff – Tourismus als Form des Neokolonialismus – wirkte er für mich perfekt für einen Spagat zwischen Poesie und ewigen, großen Themen und satirischem, aktuellem Witz.
Hast du zuerst «Der Sturm» gelesen und dann mit dem Thema Tourismus verknüpft oder war es umgekehrt?
Diese Verknüpfung kam relativ zeitgleich. Die Auseinandersetzung mit Caliban und Ariel war hier ein wichtiger Moment. Wer sind diese Figuren? Und wie kann ich als weiße, deutschspanische Person dort andocken, ohne unkommentiert kolonialen Rassismus zu reproduzieren? Deshalb war es dann naheliegend, Ariel und Caliban «neu» zu setzen, als zwei Einheimische dieser Insel, und nicht mehr wild.
Du bist zwischen Erding und Valencia aufgewachsen. Hat deine Herkunft deine Erfahrungen vom Tourismus beeinflusst?
Als Kind war Spanien für mich einerseits ein magischer Ort, an dem man um Mitternacht Eis essen konnte, andererseits aber auch Alltag, Familie, Arbeit. Ich habe nie verstanden, wie Menschen in ein Land reisen, ohne zumindest zu versuchen, die Sprache ein wenig zu lernen, und davon ausgehen, dass es alles gibt, «was es auch zuhause gibt». Diese Lücke zwischen dem tatsächlichen Alltag eines Landes und dem Fremdbild davon früh mitzubekommen, hat mein Denken bestimmt beeinflusst.
Aus der Medien-/ Filmwissenschaft kommend, interessieren mich auch immer popkulturell relevante Stimmen zu einem Thema.
Der Titel verrät ja bereits, dass Shakespeares Text ergänzt, verändert, bearbeitet wurde. Was ist in die Stückentwicklung miteingeflossen?
Zuerst haben Valentina Vorwahlner, die Bühne sowie Kostüme entwirft, und ich uns die großartige Alltagsgeschichte Meine Oma fährt im Winter nach Mallorca von Elisabeth T. Spira angesehen und waren uns einig: Diese beiden Arten von Texten wollen wir kombinieren. Und ab da fing ich an, Literatur und Medien zu horten, die unseren Sturm formen könnten: Da unsere Insel für mich eine der Kanarischen ist, sind Texte und Bilder von dort ansässigen Autor:innen eingeflossen (z. B. Andrea Abreu). Die Kurzgeschichte Bad Mexican Dog von Jonas Eika begleitet auf metaphysische Art einen Beach Boy oder Animateur, den ich sehr in unseren Versionen von Ariel und Caliban wiederentdeckt habe. Aus der Medien-/ Filmwissenschaft kommend, interessieren mich auch immer popkulturell relevante Stimmen zu einem Thema.
Daher also auch Madonnas «La Isla Bonita»?
Genau, Madonnas Song, aber auch Motive aus The White Lotus, Triangle of Sadness oder Love Island waren hier maßgebend. Diese Filme/ Videos fangen für mich wunderbar heteronormative, koloniale und klassistische Dynamiken ein, zu denen wir Europäer:innen alle beitragen, wenn wir im Urlaub sind – auf der anderen Seite triefen die Figuren aber auch vor Sehnsucht nach Utopie, Körperlichkeit oder Liebe, was sie wiederum sehr menschlich macht.
Wie verbindest du Popkultur und Zugänglichkeit für ein breites Publikum mit künstlerischer Tiefe?
Als Person, die sich selbst im Theater oft «abgehängt » gefühlt hat, ist es für mich unabdingbar, dass auch ein theaterfernes Publikum etwas mitnehmen kann – sei es die Musik, ein Gefühl, ein Bild. Dafür braucht es für mich immer mal wieder eine Art Sprungbrett, was uns hilft, wieder anzuknüpfen. Das bedeutet aber nicht, dass der Tiefgang rausgestrichen wird!
FRAGEN Anna Sophia Pernkopf & Anastasia Presente



